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Das war die Diagonale 2016

Diagonale 2016 – Eine Retrospektive, von Bernhard Mairitsch

Mittwoch

Um 11:30 am Mittwoch, 9.3.2016 kam ich in Graz an. Nachdem ich meine Sachen verstaut hatte, machte ich mich auf den Weg zum Festivalzentrum im Kunsthaus, um dort meine Akkreditierung abzuholen. Dann gings gleich weiter in den ersten Film im UCI: „Beautiful Girl“ von Dominik Hartl. In der Coming-of Age-Story geht es um die 16-jährige Charly (Jana McKinnon), deren Eltern sich gerade scheiden lassen. An einer neuen Schule lernt sie gleich zwei Typen kennen, mit denen sie sich gut versteht. Schlussendlich kommt die Frage auf, ob aus der Freundschaft zwischen den dreien mehr werden könnte.

Der Film lebt vor allem von der glaubhaften Performance der Hauptdarstellerin, die uns später nochmal auf der Diagonale begegnen wird.

Dann ging es zu den ersten beiden Kurzfilmprogrammen. Von den 6 Kurzfilmprogrammen insgesamt haben es zwei Filme überhaupt nicht geschafft, mich zu fesseln, dafür waren aber 4, 5 hervorragende Filme dabei. Die Top 3 davon waren das Generationenportrait „Unmensch“ von Julia Baumgartner, der Film „Boat People“, welcher die Flüchtlingskrise in einem Mikrokosmos erzählt, und der subversive Horrorfilm „Wald der Echos“, welcher auch den Preis für den besten Kurzfilm einheimsen konnte.

Der letzte Film am Mittwoch für mich war der Spielfilm „Geschwister“ von Markus Mörth. Dieser hatte leider das Problem, dass er zu langatmig war, wodurch seine 112 Minuten Laufzeit sich angefühlt haben wie 2 ½ Stunden.

Der Mittwoch wurde beendet durch einen Besuch in der Postgarage.

Donnerstag

An den halben Donnerstag kann ich mich nicht mehr erinnern. Ich weiß nur, dass ich es schwer verkatert auf die Österreichpremiere des Dokumentarfilmes „Korida“ geschafft habe. Der Film behandelt den völkervereinenden Stierkampf in Bosnien, und ist dabei aber so viel eher als Portrait eines Landes nach dem Bürgerkrieg zu sehen. Ein großartiger Film.

Die andere Topdoku, die ich am Samstag dann sehen konnte, war der Film „Paradies Paradies“ von Kurtwin Ayub. Dieser Film bietet einen komplett anderen Eindruck von Kurdistan und dem Irak, als wir durch die Medien gezeigt bekommen, wenn ein Vater und seine filmschaffende Tochter in ihr ursrprüngliches Heimatland auf Urlaub fahren, um Verwandte zu besuchen, eine Wohnung zu kaufen, und auch der Front gegen den IS einen Besuch abzustatten. Nichtsdestotrotz besticht dieser Film vor allem durch seinen Humor.

Der Donnerstag endete für mich aber mit dem Kulttrashfilm „Surf Nazis Must Die“, der auch ohne Österreichbezug die Massen ins Kino locken konnte. Leider sind der Titel und die Opening Credits noch das Beste am Film, denn auch wenn er verdammt lustig ist, fadisiert man sich über weite Strecken.

Freitag

Für Freitag konnte ich fast keine Karten für die Programme, die ich schauen wollte, bekommen. Aber das war auch gut so. So konnte ich einem Frühstücksgespräch über Frauen(quote) im Film – übrigens das dominierende Thema heuer auf der Diagonale – lauschen, und später den Film „Im Spinnwebhaus“ sehen. Darin geht’s um drei Geschwister, die von ihrer Rabenmutter verlassen werden, und allein klar kommen müssen, ohne, dass die anderen Erwachsenen etwas merken. Es ist gerade die traumartige Atmosphäre, die den Film für mich zu einem modernen Märchenfilm macht.

Der andere Spielfilm des Tages konnte mich aber leider nicht überzeugen. „Agonie“ versucht einen Einblick in den Verstand junger Menschen zu bieten, welche unverständliche, grausame Taten vollbringen/vollbracht haben. Auch wenn er zwei Parallelhandlungsstränge besitzt, scheitert der Film jedoch bei beiden mit seiner Prämisse, und am Ende ist man so klug als wie zuvor.

Der letzte Film des Tages war dann „Jeder der fällt hat Flügel“, ein Arthouse-Essay über den Verlust von geliebten Menschen. Der zeitlich schwer greifbare Film hat wieder Jana McKinnon in der Hauptrolle, und erneut konnte sie ihr Schauspieltalent zeigen. Der Film selbst jedoch ist schwer verständlich, da mehrere Zeitebenen ca. zur selben Zeit stattfinden, und hin und her gesprungen wird zwischen ihnen.

Samstag

Am Samstag konnte ich noch ein Kurzdokuprogramm sehen, wo unter anderem eine Diskussion über das Krampus-Brauchtum ausgebrochen ist, und wir auch den Doku-Siegerfilm „Zuhause ist hier nicht“ von Clara Trischler sehen konnten. Des weiteren konnte ich endlich den Eröffnungsfilm der Diagonale, „Maikäfer flieg“ von Mirjam Unger, sehen. Und er war toll. Aus technischer und dramaturgischer Sicht gab es nicht wirklich etwas zu bemängeln, und schauspielerisch war die Verfilmung der Autobiographie von Christine Nöstlinger über das Ende des Zweite Weltkrieges sehr toll.

 

Diagonale 2016 - Ein Rückblick, von Christian Dohr

Jeden März beginnt der Frühling und ebenfalls jährlich im März bewegen sich große Teile der österreichischen Filmbranche nach Graz um ihre Leistungsschau, die Diagonale - Festival des österreichischen FIlms, abzuhalten - und vor allem um sich selbst zu feiern.

Seit 1998 findet die Diagonale nunmehr in Graz statt und diese Wahl ist durchaus verständlich, da beide, Graz als auch der österreichische Film vor allem eins gemeinsam haben: sie wollen mit aller Vehemenz mehr sein als sie eigentlich sind. Graz steht als zweitgrößte Stadt Österreichs seit jeher im Schatten Wiens - zahlenmäßig (flächenmäßig als auch in Einwohner- und Zuzugsdimensionen) als auch historisch (jeder historisch bewandte Mensch kennt den Wiener Kongress, ein Grazer Äquivalent ist auch für die absehbare Zukunft nicht in Sicht). Wenn man sich nun aber durch Graz bewegt, ist die erste Feststellung, dass es sich hier um eine für Österreich untypisch dynamische Stadt handelt: das Stadtviertel Jakomini ist ein Musterbeispiel eines hippen Kreativbezirks, in dem man sich wohl fühlt, ohne zugleich von imperialer Größe erschlagen zu werden (Wien 6, Mariahilf, schneid dir ein Scheibchen ab!). Um das Kunsthaus (den Friendly Alien) hat sich in den letzten Jahren auch eine die Stadt sehr lebendig verändert und verschiedenste Cafés (wie das großartige Tribeka) und Bars (hier ist die gesamte Lendplatzgegend schwer zu empfehlen) hervorgebracht.

Die Parallele ist unübersehbar: es handelt sich bei beiden um Entitäten die in ihrem regionalem Raum kaum wahrgenommen und bestenfalls belächelt werden, global relativ irrelevant sind und auf europäischer Ebene nur durch Kultursubventionen glänzen können. Aber wenn man sie mal entdeckt hat, ist man fasziniert als auch verliebt und verliert sein Herz daran. Man ahnt, dass die Diagonale dadurch ein Problem mit ihrer Publikumsstruktur hat, da der österreichische Film nicht die Menschen anspricht, die er ansprechen sollte - den durchschnittlichen Kinogeher - und das Festival damit mehr einer einwöchigen Branchenparty ähnelt.

Unter diesen Vorraussetzungen haben Sebastian Höglinger und Peter Schernhuber, ein vorher schon gut geführtes, Festival übernommen um etwas zu versuchen was in den letzten 15 Jahren schwer erreicht wurde (ich erwähne hier ausdrücklich dass dies nie die Schuld der LeiterInnen war, sondern will das Augenmerk auf das eklatante Marketingproblem des Österreichischen Films im Generellen lenken, das natürlich auf die Performance der österreichischen Filmleistungsschau abfärbt): neue branchenferne Festival- und Kinogeher zu gewinnen. Um das zu erreichen gäbe es zwei Möglichkeiten: mehr Filme zu zeigen oder versuchen die Akkreditierten vermehrt zu Diskussionsveranstaltungen zu bewegen. Da mit dem Absprung eines großen Festivalsponsors vor einigen Jahren das Filmprogramm aufgrund der nicht mehr möglichen Anmietung eines zusätzlichen Kinosaals dezimiert werden musste bietet sich nur mehr Option 2 an. Und damit hat die diesjährige Diagonale Innovationscharakter gezeigt.

Mit dem Festivalstart am Weltfrauentag, stand ein Großteil aller Veranstaltungen unter dem Banner des Themas ‚Gleichberechtigung‘. Nicht nur wurden nach wie vor ausstehende Frauenquoten diskutiert (die in einer durch die Steuer subventionierten Branche aufgrund der österreichischen Verfassung - Diskriminierung oder so - eigentlich schon längst da sein sollten), sondern auch das ewig frische und gegenwärtig noch frischere Thema der Migration - natürlich im Kontext mit Film - diskutiert.

Gewonnen hat allerdings das neue Diskussionsformat des ‚Breakfast Club‘. Nicht nur, weil es eine schöne Anspielung auf einen meiner All-Time-Favourite Filme ist, sondern vor allem, weil hier die Diskussion unter allen Teilnehmenden auf Augenhöhe stattfand und die Vernetzung aller wunderschön unausweichlich war. Ein großes Dankeschön an Cinema-Next für dieses innovative Diskussionsformat! Die zweitgrößte Neuerung war die Etablierung des Partyraums im Haus der Architektur. In den letzten Jahren noch als Gästezentrum genutzt, wurde der dortige Raum heuer zu einem großen Dancefloor mit großer Bar umfunktioniert, was der betrunkenen Vernetzung spätabends enorm zuträglich war, da sich diese nicht mehr quer in durch Graz verteilt sondern an einem neuralgischen Punkt abspielte.

Aber ein Filmfestival findet natürlich auch zu großem Maße im Kino statt. Dort präsentierten Edgar Honetschläger (ihm wird diesen Monat eine Werkschau im Metrokino gewidmet - gehet hin, gehet hin!) seinen formalistisch philosophischen und künstlerisch ausdrucksvollen Film ‚Los Feliz‘. Ein Film der die Sehgewohnheiten herausfordert und gleichzeitig die Herstellungsbedingungen diverser Kulturgüter der westlichen Welt hinterfragt.

Der einzig stark ablesbare Trend im Festivalprogramm, war durch die Abwesenheit von Wettbewerbsfilmen durch ‚große etablierte Namen‘ zu erahnen, was aber keine schlechten Nachrichten per se sein müssen. Neue kreative Talente bedeuten neue Geschichten, die - hoffentlich - mehr Menschen in die Kinos oder vor welche wie auch immer geartete Devices ziehen und unterhalten.

Der österreichische Film mag sich in einer Blase der Selbstgefälligkeit befinden, die neue Diagonale hat ihres getan um der Branche Wege zu zeigen um die Blase der Realität weichen zu lassen.